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Neues aus dem Zentrum für Gesundheitsethik

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(Foto: Julia Inthorn)

Dr. Julia Inthorn



Zentrum für Gesundheitsethik an der
Ev. Akademie Loccum





Aus dem Zentrum für Gesundheitsethik

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Ethik-Interessierte,

der Unterschied zwischen den Rahmenbedingungen des vorangegangenen und dieses Newsletters könnte nicht größer sein. Am 22. März 2020 erklärte die WHO COVID-19 zur Pandemie. Infektionszahlen, ein möglicher Mangel an Intensiv- und Beatmungsplätzen, Aufklärung zu Ansteckungswegen, Maßnahmen zum Schutz von besonders gefährdeten Gruppen und viele weitere Aspekte der Erkrankung bestimmen seither unser Nachdenken und haben unser aller berufliches wie privates Leben grundlegend verändert. 

In dieser Situation stellen sich auch andere, für die meisten von uns neue ethische Fragen der Gesundheitsversorgung. Allen voran ist die Frage einer möglichen Triage zu nennen für den Fall, dass es für die Zahl der lebensbedrohlich Erkrankten zu wenig Intensivbetten gibt. Auch klinische Ethikberatung muss aktuell neue Aufgaben übernehmen und neue Arbeitsformen finden. An diesen Fragen arbeiten wir in verschiedenen Netzwerken mit, unterstützen Überlegungen, die in einzelnen Krankenhäusern entwickelt werden, und stehen als Gesprächspartner zur Verfügung.

Unsere Kurse und Tagungen sind aktuell bis einschließlich 5. Juni abgesagt. Auch wir können hier nur abwarten und werden Sie jeweils rechtzeitig informieren.

Bleiben Sie gern mit uns im Austausch zu den aktuellen ethischen Fragen der Versorgung. Wir sind auch im Homeoffice gut per Mail zu erreichen. Bleiben Sie gesund!

Es grüßt Sie im Namen des Zentrums für Gesundheitsethik

Ihre Julia Inthorn
Direktorin


Aktuelles
(Foto: Julia Hennemuth)

Triage: Hinweise für klinische Ethik

Wir informieren Sie auf unserer Homepage über die aktuellen ethischen Diskussionen und Stellungnahmen im Kontext der COVID-19-Pandemie.
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Das Stichwort
(Foto: Landeskirche Hannover)

Triage

Mit der zunehmenden Ausweitung der Covid 19-Pandemie wird auch in Deutschland über die Möglichkeit diskutiert, dass die intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten nicht für alle kritisch erkrankten Patient*innen ausreichen könnten. Wenn es dazu kommen sollte, müssen Ärzt*innen entscheiden, wer intensivmedizinisch behandelt werden soll und wer nicht. Das Verfahren, das in Katastrophen- und Pandemieplänen für solche Situationen vorgesehen ist, wird als „Triage“ (von frz. trier = sortieren, ordnen) bezeichnet. Die Klassifizierung und Priorisierung der Patient*innen erfolgt dabei mit dem Ziel, möglichst viele Menschenleben zu retten. Das bedeutet, dass bei jedem Patienten und jeder Patientin individuell gefragt wird, wie hoch die Erfolgsaussichten einer Intensivtherapie sind, und dass im Konfliktfall diejenigen bevorzugt („priorisiert“) werden, die mit höherer Wahrscheinlichkeit überleben werden. Dabei spielt die Schwere der aktuellen Erkrankung, aber auch der allgemeine Gesundheitszustand eine Rolle.

Triage hat also nichts mit einer Auslese nach „sozialer Wertigkeit“ zu tun. Auch das kalendarische Alter eines/einer Patient*in ist zunächst irrelevant. Allerdings haben ältere Patient*innen häufiger Vor- und Begleiterkrankungen. Weil diese sich negativ auf die Erfolgsaussichten auswirken, kommt es in einer Triage-Situation unvermeidlich dazu, dass bei älteren Patient*innen häufiger auf eine Intensivbehandlung verzichtet wird als bei jüngeren. 

Triage-Situationen sind Ausnahmesituationen. Trotzdem gelten auch in solchen Situationen die wichtigsten ethischen Grundsätze weiter: Medizinische Behandlungen sind nur nach Aufklärung und Einwilligung des/der Patient*in zulässig. Patientenverfügungen müssen beachtet werden. Wenn ein/e Patient*in mit schlechter Prognose angesichts knapper Ressourcen nicht intensivmedizinisch behandelt werden kann, hat er/sie Anspruch auf palliative Versorgung.  

Um die verantwortlichen Akteur*innen in den Krankenhäusern zu unterstützen, haben medizinische Fachgesellschaften in verschiedenen Ländern Empfehlungen veröffentlicht. Auch der Deutsche Ethikrat hat sich in einer Ad-Hoc-Empfehlung zu Fragen der Triage geäußert.

Eine Übersicht über die wichtigsten Dokumente können unter Übersicht Empfehlungen abgerufen werden.
Ethik und Seelsorge

Herausforderungen in Triage-Situationen


Im Rahmen der Covid-19-Pandemie könnte es in Kliniken durch Kapazitätsmangel zur sogenannten Triage-Situation kommen. Dann müssten Entscheidungen darüber getroffen werden, wer intensivmedizinisch behandelt wird und wer nicht.

Ethikberatung und Ethikkomitees werden aktuell in Vorbereitung auf eine eventuell anstehende Triage-Situation vielfach angefragt. Klinischen Ethikkomitees, denen in der Regel auch Krankenhausseelsorger*innen angehören, sind in verschiedenen Bereichen ethischer Reflexion eingebunden. Insofern ist hier die Seelsorge institutionell beteiligt und inhaltlich gefordert. Dabei gehen Ethikberatung und Seelsorge nicht ineinander auf. Weder reduziert sich Ethikberatung auf Seelsorge, noch reduziert sich Seelsorge auf Ethikberatung. Allein schon aufgrund ihrer unterschiedlichen Aufträge ist dies plausibel. Sie können jedoch in ihren Kompetenzen voneinander profitieren. Dies gilt in besonderer Weise für Triage-Situationen.

Welche theologisch-ethischen Herausforderungen stellen sich für die Seelsorge in diesen Situationen? Seelsorge kann als ein konkretes Angebot der Sinndeutung und auch des Aushaltens von Sinnlosigkeit verstanden werden. Seelsorge bietet Begleitung und Rituale für Patient*innen, Angehörige und Mitarbeiter*innen in Kliniken und Pflegeeinrichtungen an und eröffnet Räume für existentielle wie auch spirituelle Themen.

In Triage-Situationen stellt sich insbesondere die Frage nach der gerechten Verteilung von Ressourcen. Dies bedeutet gegebenenfalls, eine intensivmedizinische Behandlung zu unterlassen. Diese Entscheidung betrifft in erster Linie die Patient*innen und deren Angehörige, aber auch die Mitarbeiter*innen einer Klinik. Für letztere geht es nicht nur um die Umsetzung vorgegebener Kriterien, die im medizinethischen Diskurs aktuell diskutiert werden, sondern auch um die Erfahrung persönlicher Verantwortung: In der Triage-Situation kann man nicht allen helfen, denen man helfen möchte, und das belastet die Mitarbeiter*innen einer Klinik, insbesondere diejenigen, die am Ende die Verantwortung tragen müssen.

Hier kann die Seelsorge einen Beitrag leisten, nicht indem sie vermeintlich fixe Antworten gibt, sondern indem sie Erfahrungs- und Reflexionsräume eröffnet, um mit dem Erlebten umzugehen und es gegebenenfalls einzuordnen. Dazu gehören auch die Annahme von Endlichkeit und Begrenzung eines Lebens sowie die Einsicht in die Unabänderlichkeit einer mit der Triage verbundenen Entscheidung. Selbst wenn diese Entscheidungen nach klaren Kriterien getroffen worden sind, so kann sich für die Entscheidungsträger*innen die Frage nach einer persönlichen Verantwortung – auch im Kontext der jeweiligen Religiosität – stellen. Hier kann die Seelsorge eine wichtige Begleitung sein.

Zum Weiterdenken
(Foto: Stehenne)
Die Pandemie verändert unsere Lebensumstände und Perspektiven auf vielfältige Art und Weise. Solidarität in Bezug auf Gesundheit bekommt ebenso eine neue Relevanz wie grundlegende Fragen etwa, wie sich unser Leben nach der Pandemie verändern wird. Was beschäftigt Sie aktuell am meisten? Was ist die größte Veränderung, was das Erstaunlichste? Welche Assoziationen haben Sie bei den allgegenwärtigen Schlagworten? Wir haben (hier) ein paar für Sie zusammengestellt, die Sie selbst weiterentwickeln können.


Hintergrund

Solidarität: Normative Verbindung zwischen Individuum und Gemeinschaft


Solidarität ist zu einem Schlagwort dieser Zeit geworden – nicht zuletzt durch den Aufruf von Bundeskanzlerin Merkel zu Solidarität zum Schutz derer, die in Bezug auf COVID-19 ein besonderes Risiko haben. Der Verweis auf Solidarität will dabei zu bestimmten Handlungen – etwa Abstand zu halten und zu Hause zu bleiben – auffordern.

Solidarität wird häufig in Diskussionen auf ein wohlklingendes Schlagwort reduziert, das die Freiheitsrechte des Einzelnen nicht beschränken will und dennoch gleichzeitig auf das gemeinsame Ganze verweisen kann. Oder sie wird beschworen in Situationen, in denen der Zusammenhalt in einer Gruppe betont werden soll.

Der Soziologe Emile Durkheim unterscheidet zwischen mechanischer Solidarität, die durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe über ein bestimmtes Merkmal begründet wird (Wir Gewerkschaftler, Wir Frauen) und organische Solidarität, die sich durch wechselseitige Abhängigkeit in komplexeren Zusammenhängen ergibt. Die daraus abgeleiteten Ansprüche, was jeweils solidarisches Verhalten ist, sind entsprechend verschieden. 

In der Situation der Pandemie fallen die beiden Formen in eins. Das Wir der Gruppe schließt alle mit ein, denn jede/r kann das Virus übertragen. Und der Zusammenhang zwischen social distancing und der möglichst guten Entlastung der Gesundheitssysteme zeigt gemeinschaftliche Abhängigkeit vom Verhalten aller. Solidarisches Verhalten lebt dabei vom Vertrauen darauf, dass nicht nur man selbst, sondern auch die Mehrheit der anderen Menschen Einschränkungen in Kauf nehmen.


Ethik praktisch

Neue Arbeitsformen - Neue Fragen

Wohl noch nie waren gesundheitsethische Fragen so sehr Teil der alltäglichen Überlegungen und Handlungen wie jetzt. Klassisch werden die zentralen Arbeitsfelder der Gesundheitsethik unter anderem in der klinischen Ethikberatung oder der fachlichen wie auch gesellschaftlich mitgetragenen kritischen Diskussion biomedizinischer Entwicklungen gesehen. Auch individuell kann man sich – etwa in Bezug auf die Organspende oder Behandlungs-entscheidungen am Lebensende – Gedanken zu verschiedenen Themen machen, man muss sich aber nicht positionieren oder entscheiden. Viele Menschen wollen das auch nicht. Mit der Frage „Nur mit Mundschutz in den Supermarkt?“ betreffen gesundheitsethische Fragen in neuer Art jede/n von uns.

Fragen der Verantwortung für Gesundheit stellen sich neu, ebenso verändert sich unsere Wahrnehmung von den Stärken und Schwächen des Gesundheitssystems. Wir alle nehmen fast in Echtzeit an den Fortschritten der medizinischen Forschung teil und sind engmaschig informiert. Wir lernen mit Modellrechnungen und virologischen Erkenntnissen ebenso umzugehen wie mit einem fast sokratisch (Ich weiß, dass ich nichts weiß) anmutenden Wissen um die Unsicherheit von Wissen und insbesondere von Prognosen. Durch die tägliche Auseinandersetzung und Reflexion verlassen alle ein Stück weit den Bereich des Laien und werden zu Expert*innen.

Das verändert auch professionelles ethisches Nachdenken, denn es ist anzunehmen, dass es die zukünftige Interaktion im Arzt-Patienten-Gespräch beeinflussen wird. So verändert sich unser Bild vom Arbeiten in der Gesundheitsethik aktuell nicht nur durch Homeoffice und Videokonferenzen. Die normativen Fundamente der Gesundheitsethik, wie der Bezug auf Menschenwürde und Selbstbestimmung von Patient*innen, haben jetzt und werden auch in Zukunft Bestand haben. Die Umsetzung im Einzelfall aber wird vermutlich viele neue Fragen aufwerfen, wie beispielsweise, ob Patient*innen zukünftig anders mit medizinischem Wissen umgehen werden oder sich die Struktur des Informed Consent als Basis der Respekt vor der Selbstbestimmung von Patient*innen verändern muss.




Ein Anmeldeformular für unsere Kurse und Tagungen finden Sie auf unserer Website unter www.zfg-hannover.de.

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